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Dokumentieren

 

 

Was sind Dokumentationen?

Dokumentationen sind Versuche, gewisse Ereignissen oder bzw. kleine Ausschnitte davon zu konservieren, damit von diesen Ereignissen Kenntnisse gewonnen werden können. Das kann eine Rechnung, ein Text, ein Gemälde, Photo, Tonaufnahme usf. sein. Zeichen, Bilder, Tonaufzeichnungen sind üblichsten Medien, doch ist auch etwa eingefrorenes Wasser oder eine Duftspur usf. Dokumente, sofern sie absichtlich als solche erzeugt wurden. Jede Dokumentation ist aber nie mehr als ein winziger Ausschnitt einer unfassbaren Menge gleichzeitig stattfindender Ereignisse zum Unterschied der spirituellen Dimension: "Wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Gutes tut, der wird es dann [im Leben nach dem Tod] sehen. Und wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Böses tut, der wird es dann sehen." (Qur'aan: Surah Al-Zalzala). Durch diese zwei Verse ist angedeutet, dass grundsätzlich alle menschlichen Handlungen dokumentiert werden.

 

Je abstrakter das Medium der Dokumentation, desto realistischer das Dokument.

Schriftzeichen sind Abstraktionen einzelner Laute oder umfangreicher Bedeutungen. Wenn etwa ein Gesicht Worten (Buchstaben) beschrieben wurde, so erfordert dies die Fähigkeit des Lesens, damit die Abstraktion in eine bildhafte Vorstellung im der Seele des Lesers werden kann. In beiden Fällen lässt sich auf einem Stück Papier - wenn auch mit unterschiedlicher Methoden - ein Gesicht erkennen. In die Beschreibung eines Gesichts können Farbe, Form, Charakter, Beruf, Abenteuer, Auszeichnungen, Geburtsdatum, Name, Todestag usf. einfließen und doch sind alles nur abstakte Zeichen die über die Jahrtausende ihre aktuelle, zu lernende Bedeutung bekamen. So gesehen ist das abstakte Schriftzeichen die realistischste Dokumentation. Hingegen ist die "realistische" Abbildungen eines Gesichts - sei es mittels Malerei, Photo, Film - für den Betrachter viel bequemer, denn er kann in Bruchteilen einer Sekunde das Gesicht erkennen. Der Betrachter bedarf keiner Kenntnis von Schriftzeichen und kann in Sekunden sogar hunderte Gesichter erfassen. Das Bild reduziert einen Moment einer eines Ereignisses aber etwas Abstraktes, das es real nicht gibt aber vortäuschet als ob es sei. Deshalb können Abbildung beseelten Lebens ein Schaden für die spirituelle Entwicklung sein, denn sie täuschen Leben vor. Die Seele reagiert aber grundsätzlich beim Anblick eines Bildes und  erkennt sich insgeheim in jeder Abbildung immer auch selbst. Künstler benützen diesen Effekt erfolgreich ohne den Schaden, der durch diese Täuschung für die Seele entstehen kann, zu bemerken. Texte erfordern hingegen die Fähigkeit des Lesens und Lesen ist eine Anstrengung im Vergleich zur Wahrnehmung eines Bildes. Erst durch diese Anstrengung produziert die Seele die spirituelle Realität des Gelesenen.

 

 

Abbildung beseelten Lebens

Malerei, Photographie usf. sind u.a. Versuche, beseeltes Lebewesen zu dokumentieren. Seit dem die Photographie der abbildenden Malerei die Notwendigkeit der Dokumentation entzogen hat, versuchen Künstler gewisse Zustände der Seelen zu malen. Bildhafte Darstellung dringen in einem Augenblick in die Seele des Betrachters und produzieren dort eine spirituelle Scheinrealität. Das Bild ist von allen Dokumentationsformen die am schnellsten Wahrgenommene. Gesichter sind der deutlichste Ausdruck der Seele und wurden deshalb seit der Höhlenmalerei bis hin zu Hologramm produziert.

 

Können Zustände der Seele dokumentiert werden?

 

Entscheidende Momente können selten dokumentiert werden.

 

 

Das Urlaubsphoto

Die Familie befindet sich im Urlaub am Strand und der Papa macht ein Photo von seinen im Sand spielenden Kindern. Er dokumentiert ein Ereignis. Warum eigentlich, wo doch die Kinder sind ja ohnehin vergnügt Sandschlösser bauen, welche das Wasser wieder wegspült und brauchen die väterlichen Dokumentation nicht. Es reicht den Kindern, wenn Vater oder Mutter ihre Leistung gesehen haben. Das Erlebnis ist vollständig wenn es andere bewahrheiten. Eine Seele soll die Leistung der anderen Seele durch ein Blick bezeugen. Für das Vergnügen der Kinder ist das Photographieren (vorerst) nicht notwendig und sie haben mit dem Dokumentationsvorgang nichts zu tun. Für Papas Seele aber, erlebt den Prozess des Dokumentierens wie die Kinder ihre Sandschlösser. Das Photographieren dauert eine Sekunde, doch diese Sekunde hat für Papa's Seele bereits vor dem Urlaub begonnen. Das Dokument als Vorzukunftsbeweis des Urlaubsgenießens. Papas Seele ist beim Photographieren bereits beim Photoansehen zu Hause, nicht mehr am Strand. Papa bewahrheitet die Qualität seines Urlaubs mit der Vorstellung seinem zukünftigen Herzeigens des Photos. Kann also der Mensch mit seinen Handlungen nicht zufrieden sein solange sie nicht ein anderer bewahrheitet? Und was für Papa am Strand gilt, das gilt genauso für Wissenschaftler, Künstler, Sportler usf., welche ihre Handlungen, also das Erlebnis der unsichtbaren Seelen, zu dokumentieren versuchen. Das Dokumentieren einer Handlung ist an sich wiederum ein Handlung die wiederum dokumentiert werden kann usf., doch nie hat eine Dokumentation die Qualität der dokumentierten Handlung. Die Werte dieser Handlungsketten liegen in den Absichten.

 

 

 

Selbstmitleid

 

Was nun die beabsichtigte Dokumentation betrifft, so ist Kontext des Islam der Isnad (Kette der Dokumentierer) zur Etablierung eines Dokuments notwendig, so dass man hören oder lesen kann: "Der Gesandten Allahs hat gesagt, .......".

 

Für denjenigen, der sein Leben als sakrale Angelegenheit kennt, für den ist sein spirituelle Zustand, also seine Lebensqualität, das jeweils gültige Dokument in Bewegung und das bedarf keiner weitern Dokumentation. Es kann bestenfalls Hinweise oder Hilfestellungen geben.

 

Im Kontext der demokratischen Religion aber, da etablieren sich Dokumente als Meinungen, so dass man hören kann: "Meiner Meinung nach, ist das so und so ...." und je nachdem wer und eine Meinung geäußert hat, gewinnt sie dann als Dokument an Bedeutung, ganz unabhängig vom spirituellen Zustand und ist insofern wertlos.

 


 

 

Der Hungrige dokumentiert sein Essen durch sein Sattwerden und der Suchende sein Finden oder Weitersuchen. Will nun der Suchende seine Suche und sein Finden einem Anderen lehren, so dokumentiert er seine Suche und sein Finden indem er zu einem anderen darüber spricht und dabei wird der ihm Zuhörende zur lebenden Dokumentation des Gehörten; der Erzählende und der Hörende sind Dokumente. Die Veränderung die im Zuhörenden durch das Zuhören stattfindet ist eine lebende Dokumentation.

 

 

Befürchtet aber der Mitteilende, dass das, was er mitteilen will verloren gehen könnte, so benützt er ein Medium um die Informationen es zu speichern und verwandelt seine lebendige Mitteilung in ein totes Dokument. Er verliert dabei seine mitschwingende, unmittelbare Kontrolle und er kann nicht merken nicht etwas wenn falsch verstanden wird. In diesem Kontext ist das lebendig gehörte Wort, das unmittelbare Sehen und Fühlen und die dadurch stattfindende Entwicklung der Seele (Nafs) das wertvollste Dokumentieren.

 

Das Abbilden des Lebendigen ist das schwächste Dokumentieren, wenn auch das Auge extrem schnell ist und besonders beeindruckende Wirkung auf die Seele hervorruft. Die Vorstellung, dass mittels Bilder Ereignisse dokumentiert werden könnten ist ein Irrtum. In Wirklichkeit ist nämlich der Vorgang des Dokumentierens das Ereignis welches mit dem Dokument nur scheinbar zu tun hat.  Gleichzeitig suggerieren Bilder (z.B. Gemälde oder Photos), dass es sich um die Realität handelt und sie können ohne regulierende Anstrengung oder Verantwortung konsumieret werden.

 

 

Jegliche Dokumentation beruht auf der Befürchtung, das etwas als wichtig Empfundenes, nicht vermittelt werden kann, es sei denn, es wird dokumentiert. Wer aber dokumentiert merkt, dass dieser Vorgang einerseits ein anderes Ereignis ist wie das zu dokumentieren beabsichtigte und anderseits, dass das wesentlich überhaupt nicht dokumentiert werden kann, sondern nur seine Umgebung oder nebensächliches. Wenn etwa ein Torschütze erfolgreich ist und das Dokument in Zeitlupe zeigt wie der Ball in das Tor gelangt, so erweckt dies den Anschein, dass das Wesentliche des Fussballspieles dokumentiert wurde. Tatsächlich müssten aber nicht nur die Emotionen, Überlegungen und der Schock des Torwartes in der Gegend des Herzens dokumentieren, wenn man mit der "Umgebung" nicht zufrieden ist. So aber der Dokumentationsbetrachter aber den Zustand seines eigenen Herzens erlebt und mit6 dem Ereignis des Fussballspiel fraglos gleichsetzt, funktioniert das Spiel. Die wirkliche Dokumentation ist der veränderte Mensch; er ist das Dokument.

 

 

 

Beispiel einer toten Dokumentation (Reportage): Prozess um Gasexplosion mit sechs Toten - Lebenslang für Heinz N.? 

In der dritten Auflage des Prozesses um die Gasexplosion in einem Mehrfamilienhaus an der Krahestraße mit sechs Todesopfern wird für Freitag das Urteil erwartet. Dem Angeklagten Heinz N. droht wegen Mordes eine lebenslange Haftstrafe. Zudem soll gegen den Hausbesitzer die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden. Das würde eine vorzeitige Entlassung aus der Haft ausschließen. Heinz N. soll in der Nacht zum 25. Juli 1997 zusammen mit dem bereits verurteilten Dachdecker Udo S. sein Mehrfamilienhaus auf der Krahestraße in Düsseldorf in die Luft gesprengt haben, um dadurch die Mieter loszuwerden. Anschließend wollte er angeblich das Haus wieder aufbauen und Luxuswohnungen errichten. Bereits zweimal hatte das Düsseldorfer Landgericht den aus Neuss stammenden Angeklagten verurteilt. In der ersten Auflage des Verfahrens erhielt er eine lebenslange Haftstrafe bei gleichzeitiger Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Im zweiten Anlauf kam eine zweite Schwurgerichtskammer des Landgerichts zu einem anderen Urteil. Wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion wurde Heinz N. zu 13 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Beide Urteile hob der Bundesgerichtshof auf.  Zuletzt aktualisiert: 13.03.2008  http://www.rp-online.de/region-duesseldorf/duesseldorf/nachrichten/lebenslang-fuer-heinz-n-1.1125248

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